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Die raunende Stadt

Mikael Askergren © 2020

Wir alle haben wohl schon einmal – sei es draußen in der Natur oder zumindest in einem Videoclip auf YouTube – große Schwärme von Staren gesehen, die sich über den Himmel bewegen, als bildeten sie zusammen einen einzigen großen, zusammenhängenden Organismus.

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Wie zum Teufel machen sie das? All diese winzigen Individuen mit ihren winzigen Gehirnen? Wie behalten sie alle ihre Tausenden von Schwarmgefährten gleichzeitig im Blick?

Wissenschaftler untersuchen dieses Naturphänomen selbstverständlich schon seit Langem und sind zu dem Schluss gekommen, dass jedes einzelne Individuum im Schwarm keineswegs sämtliche anderen Individuen beobachten und im Blick behalten muss, wie sich der gesamte Schwarm verhält. Tatsächlich genügt es jedem einzelnen Tier im Schwarm, seine nächsten Nachbarn im Auge zu behalten. Indem jeder Vogel fortwährend seine eigene Fluggeschwindigkeit und Bewegungsrichtung anpasst, sorgt er dafür, stets einen bestimmten durchschnittlichen Abstand zu einer kleinen Gruppe eigens ausgewählter Fluggefährten einzuhalten.

Ein Schwarm von Staren nennt man im Englischen übrigens a murmuration (of starlings), ein Raunen (von Staren); auf Englisch raunen die Stare also – ein schöner und poetischer ornithologischer Ausdruck, nicht wahr?

Der raunende Schwarm, the murmuration, scheint von einem unsichtbaren Hirtenhund am Himmel hin und her getrieben zu werden. Seine komplexen Bewegungen wirken, als seien sie von einem dämonischen Regisseur inszeniert oder von einem künstlerisch hochbegabten Choreografen choreografiert worden – von einem Genie, das über den einzelnen Schwarmmitgliedern steht. Doch der Eindruck einer äußeren treibenden Kraft ist eine Illusion: Die Gesamtgestalt des Schwarms wird nicht von außen geformt, sondern entsteht aus den jeweils eigenen algorithmischen Berechnungen Hunderter, Tausender einzelner Schwarmmitglieder.1

Von einem zum anderen. Städte sind zu allen Zeiten – über Jahrhunderte, Jahrtausende hinweg – auf dieselbe Weise entstanden, wie sich Starenschwärme bilden: Der außenstehende Betrachter staunt über die einheitliche Gesamtwirkung der meisten Städte, die vom außergewöhnlichen Genie einer Obrigkeit geformt zu sein scheint. Bei genauerer Betrachtung wird er jedoch feststellen, dass die Obrigkeit zwar gegebenenfalls eine grundlegende Geometrie in der Horizontalebene – im Grundriss, in Form eines Stadtplans – festgelegt haben mag, sich danach aber häufig weder um den sogenannten künstlerischen Ausdruck der Bauten auf den einzelnen Grundstücken noch im Detail um deren Fassadengestaltung, Stilwahl, Farbgebung und so weiter gekümmert hat.

Seitens der Obrigkeit hat man sich mit einer Reihe einfacher und im besten Sinne banaler geometrischer Spielregeln begnügt, die – ähnlich den entsprechenden einfachen und banalen Spielregeln für die raunenden Stare am Himmel – für jedes einzelne Individuum und jeden einzelnen Akteur, jede einzelne Straßenecke und jedes einzelne Grundstück der Stadt für sich gelten.

Und solange genau dieselben Spielregeln – dieselben übergeordneten äußeren geometrischen Begrenzungen – für sämtliche Akteure der Stadt gelten, spielt es für den einzelnen Grundeigentümer kaum eine Rolle, was mehrere Häuserblöcke entfernt genau gebaut wird. Jedem Grundeigentümer genügt es, darauf zu achten und im Blick zu behalten, was seine nächsten Nachbarn bauen: Mit einem Mal beginnt die Stadt zu raunen.

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In der Stockholmer Innenstadt – einem Paradebeispiel der Raster- und Blockrandstadt des 19. Jahrhunderts und der raunenden Stadt des bürgerlichen Liberalismus – hielt man lange Zeit eisern an insbesondere einer einfachen und im besten Sinne banalen Beschränkung der Gebäudegeometrie in Aufriss und Vertikalschnitt fest. Keinerlei Ausnahmen wurden zugelassen.

Das dieser historischen Regel zugrunde liegende geometrische Prinzip lässt sich denkbar einfach beschreiben: Der Winkel zwischen der Horizontalen und der Sichtlinie zum freien Himmel über den Gebäuden auf der gegenüberliegenden Straßenseite darf höchstens 45° betragen. Dies gilt für sämtliche Sichtlinien, die von den Fenstern aller Räume und Geschosse aus gezogen werden können, beginnend 75 cm über dem Straßenniveau – also an einer gedachten Fensterunterkante im Erdgeschoss – und von dort aufwärts.

Dasselbe Prinzip bestimmt die maximal zulässige Dachneigung eines Gebäudes auf der gegenüberliegenden Straßenseite: Eine absolute, unumstößliche Sicht- und Dachneigungslinie wird von einem Punkt an der straßenseitigen Grundstücksgrenze, genau 75 cm über dem Straßenniveau, diagonal quer über die Straße bis zur gegenüberliegenden Hausfassade gezogen – in einem Winkel von exakt 45° über der Horizontalen. Bis sie die gegenüberliegende Fassadenflucht erreicht, steigt die Diagonale um genau dasselbe Maß an, wie die Straße breit ist. Da ihr Ausgangspunkt 75 cm über dem Straßenniveau liegt, darf die Fassade bis zur Traufe somit 75 cm höher sein, als die Straße breit ist.

Eine typische Straße in der Stockholmer Innenstadt weist daher – nicht exakt, aber im Prinzip – einen quadratischen Querschnitt auf: Die Hausfassaden sind ungefähr ebenso hoch, wie die Straße breit ist, genauer gesagt 75 cm höher. Entlang einer typischerweise 18 m breiten Straße in der Stockholmer Innenstadt erreichen die Fassaden bis zur Traufe somit eine Höhe von 18 m plus 75 cm, insgesamt also 18,75 m.

Wenn alle Grundstücke entlang einer solchen Stockholmer Straße so dicht und hoch wie möglich bebaut sind, ohne die zulässige Fassadenhöhe oder Dachneigung zu überschreiten, entstehen gewissermaßen automatisch zwei für das städtische Leben äußerst wertvolle Qualitäten: sowohl eine ausreichend hohe Bebauungsdichte, damit eine tragfähige Nachfrage nach lokalen Dienstleistungen entsteht, als auch genügend direktes Sonnenlicht und ein freier Blick zum Himmel für alle, die an diesen Straßen wohnen und arbeiten – unabhängig davon, ob die jeweilige Straße in Nord-Süd- oder Ost-West-Richtung verläuft. So entsteht sowohl eine dichte Stadtlandschaft, deren geschlossene Bauweise klar gefasste Straßenräume erzeugt, als auch ein Gefühl von Offenheit und Luftigkeit.

Mit anderen Worten: das Beste aus zwei Welten. Und man stelle sich vor, wie viel Zeit und Mühe dem Planungsamt und wie viel Geld den Steuerzahlern erspart bleiben! Berechnungen der Ausnützungsziffer und Besonnungsstudien werden gleichermaßen überflüssig. Im Einzelfall bedarf es auch keiner subjektiven Stellungnahmen übereifriger Planungsarchitekten, die sich in die konkrete Ausgestaltung einmischen. Die künstlerische Beurteilung gehört dann nicht mehr zu den Aufgaben des Stadtplaners; die Gestaltung des Stadtraums wird de facto überflüssig.

Sobald ein eindeutiger Stadtplan vorliegt, ist bereits alles vorhanden, was die einzelnen Akteure der Stadt benötigen, um ihre Häuser mehr oder weniger nach eigenem Gutdünken zu errichten – damit die Stare raunen, damit die Stadt lebt. Stadtplanung wird dann vor allem zu einer Frage der Vermessung und der konsequenten Kontrolle der Geometrie, insbesondere der Sicht- und Dachneigungswinkel. Diese Kontrolle muss allerdings unerbittlich sein: Keinerlei Ausnahmen dürfen zugelassen werden.

Die Städte, die in Zukunft am besten und am stärksten raunen werden – sowohl gesellschaftlich und kulturell als auch ganz nüchtern wirtschaftlich –, sind jene Städte, denen es gelingt, einen Weg fort von den seit weit über hundert Jahren vorherrschenden Stadtplanungsidealen zu finden: fort von der Verhandlungsplanung, fort von den fehlgeleiteten künstlerischen Ansprüchen der Planer, fort von der Annahme, mit jedem neuen Stadtplan müsse ein Unikat geschaffen werden, etwas ganz Besonderes und eigens auf den jeweiligen Ort Zugeschnittenes.

Und was ist dann mit den Stadtplanungsarchitekten? Was ist mit ihrer künstlerischen Integrität, was mit ihrem Freiraum für künstlerisches Schaffen im jeweiligen Einzelfall wenn man weltweit wieder Regelwerke einführen würde, die sich am Städtebau, an der raunenden Stadt des 19. Jahrhunderts orientieren?

Ja, was ist dann mit ihnen? Das kann man sich in der Tat fragen.

Abgesehen davon, autoritäre und tendenziöse Gestaltungsrichtlinien und sonstige Albernheiten zusammenzuschustern, scheinen unsere heutigen Stadtplaner vor allem jede Gelegenheit zu nutzen, möglichst viel willkürlichen Unsinn in ihre Stadtpläne hineinzupacken.2 Sollten die Architekten der Planungsämter erhebliche Einschränkungen ihres künstlerischen Freiraums beim Verfassen neuer Stadtpläne nicht akzeptieren und deshalb in den Streik treten, müssten eben die Vermessungsingenieure das Tagesgeschäft übernehmen – ganz einfach.

Ich verstehe zwar, was du meinst, Lars; Ich glaube wirklich, dass ich deine Frage3 verstehe. Doch ich spiele sie dir kurzerhand rhetorisch zurück:

In der raunenden Stadt – La Ville murmureuse (um Le Corbusiers Ville radieuse zu travestieren) – für welche Art von Planungsarbeit ist zwingend ein Architekturabschluss erforderlich? Welche unersetzliche architektonische Qualität kann ein Stadtplanungsarchitekt einem Bauprojekt in der Stadt überhaupt hinzufügen, und welche unersetzliche architektonische Qualität kann der Architekt des einzelnen Bauprojekts nicht hinzufügen? Welche Art von Planungsarbeit, die heute von Architekten ausgeführt wird, könnte in der raunenden Stadt – The City of Murmuration – ein Vermessungsingenieur nicht ausführen?

Anhang 2023

Vor Kurzem ist mir bewusst geworden, dass die Art und Weise, wie ich im vorstehenden Artikeltext die im Englischen raunenden Starenschwärme (murmurations of starlings) als Metapher für Urbanität verwende – die raunende Stadt, the murmuring city –, allem Anschein nach Mikael Parkman, Masterstudent an der Architekturschule der Universität Umeå (UMA), dazu inspiriert hat, seiner englischsprachigen Masterarbeit folgenden Titel zu geben: Murmuring City, Banal Architecture (Thesis report, 5AR522, Mikael Parkman, UMA5, Studio 10, 2022). Der vorstehende Artikeltext (Die raunende Stadt, auch bekannt unter dem Titel 45° über dem Horizont) ist in Parkmans Quellenverzeichnis für diese Arbeit aufgeführt (References, S. 30).

Mikael Parkman führt übrigens mehrere meiner Artikeltexte als Quellen an, darunter den Beitrag Urbanität, was ist das? oder Wie man die Urbanitätskennzahl u berechnet (Architekturzeitschrift Kritik, Stockholm, Nr. 32, Dezember 2016). Dessen Prolog über ein berühmtes Gemälde des Surrealisten René Magritte (Golconde, 1953) inspirierte Parkman zu einer Reihe ambitionierter Bildmontagen, die einige Jahre später in derselben Zeitschrift (Kritik Nr. 48, Dezember 2021) unter dem Titel Die Die Anomalie einer Straße veröffentlicht wurden.


Artikeltext von Mikael Askergren, ursprünglich unter dem Titel 45° över horisonten (45° über dem Horizont) in der Architekturzeitschrift Kritik, Stockholm, Nr. 45, Juni 2020, veröffentlicht.
Übersetzung aus dem Schwedischen von Tobias Nissen.
Auf Schwedish:
Den sorlande staden
Englische Übersetzung:
The Murmuring City
Mehr über raunende Städte:
Den osynliga handen
Mehr über Mikael Parkman:
Urbanität, was ist das?

Die Urbanitätskennzahl u

Der obige Text ist Teil einer Artikelserie über die Urbanitätskennzahl u, die laut Mikael Askergren eine effektivere und genauere Messung der schwer fassbaren Qualität von Urbanität darstellt als beispielsweise die Geschossflächenzahl (GFZ). Eine Linkliste zu allen Artikeln dieser Reihe:
Über die Urbanitätskennzahl u

Abbildungen

A murmuration of starlings. Stare, die im Schwarm raunen. Sublime Star, 2013.
• Eine typische innerstädtische Straße auf Östermalm in Stockholm. Querschnitt (1937, Block Guldfisken 22). Der freie Sichtwinkel von einem Punkt in der Fassadenflucht 75 cm über dem Straßenniveau beträgt 45° über der Horizontalen. Montage: Mikael Askergren, 2020.

Fußnoten

1 Vgl. beispielsweise: Hur undviker fåglar att kollidera? (Wie vermeiden Vögel Zusammenstöße?), von der Redaktion gezeichnete Kurzmeldung, Illustrerad Vetenskap, Stockholm, Onlineausgabe, 1. September 2009.
2 Vgl. zum Stichwort willkürlicher Unsinn Mikael Askergren über die Wohngebiete S:t Eriksområdet auf Kungsholmen beziehungsweise Husarviken auf Norra Djurgården in Stockholm: Ärtan-pärtan-piff-paff-PUFF, Architekturzeitschrift Kritik, Stockholm, Nr. 45, Juni 2020; sowie Happy Accident (Schwedisch) | Happy Accident (Englisch), Kritik Nr. 42/43, November 2019.
3 Vgl. Lars Marcus: Vem skall bygga staden? (Wer soll die Stadt bauen?), Architekturzeitschrift Kritik, Stockholm, Nr. 45, Juni 2020. Lars Marcus kommentiert darin Mikael Askergrens Beitrag über S:t Eriksområdet in derselben Ausgabe von Kritik, Ärtan-pärtan-piff-paff-PUFF, in dem es an einer Stelle heißt: Die Architektenschaft sollte sich überhaupt nicht mit Stadtplanung beschäftigen. Doch wer soll dann Städte planen, wenn nicht Architekten, fragt Lars Marcus: Mir ist klar, dass die heutigen Architekten hierfür keineswegs gerüstet sind; ich meine jedoch, dass es sich um ein architektonisches Problem handelt – was sollte es sonst sein? (Offen für Vorschläge.)

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