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Urbanität, was ist das? oder Wie man die Urbanitätskennzahl u errechnet

Mikael Askergren © 2016

Prolog

Schau’ mal. René Magritte: Golconde (1953). Etwas stimmt hier nicht. Und da meine ich nicht die schwerelos schwebenden Herren mit Melonen. Wo liegt denn dann der „Fehler“?

Es sieht beim ersten Anblick aus, als hätte der Künstler einen ganz normalen Strassenzug abgebildet, eine typische rue-corridor, schaut man aber genauer hin, entdeckt man bald, dass die Häuser alle zusammenhängen, dass es da keine Fugen oder Nahtstellen gibt, welche die Häuser (Liegenschaften, Grundstücke) entlang des Strassenzugs voneinander trennen. Die abwechslungsreiche Dachlandschaft hat einen kleinen Moment das Auge getäuscht. Was zunächst wie verschiedene Häuser mit jeweils unterschiedlichen Dächern aussieht, ist eigentlich ein-einziges-Dach auf ein-und-demselben Haus. So sieht eine Häuserzeile in einem älteren Stadtteil eigentlich nicht aus. Das Bild ist ganz einfach – falsch. Der Künstler hat nicht begriffen, wie Städte entstehen und wie sie sich im Lauf der Zeit verändern. Er hat nicht begriffen, wie Urbanität funktioniert.

Die Urbanitätskennzahl u

Es gibt keine wissenschaftliche Grundlage für die Verwendung des Begriffs Urbanität in akademischem oder beruflichem Zusammenhang. Fachleute haben sich bisher nicht auf eine Definition einigen können. Trotzdem erklingt der Ruf nach einem „urbaneren Städtebau“ immer häufiger. Damit meint man – vereinfachend – verdichtetes Bauen. Aber ist diese neue Dichte auch wirklich Ausdruck einer neuen Urbanität? Wir brauchen eine professionelle Definition des Urbanitätsbegriffs, hier und jetzt. Wir brauchen eine Definition, die Urbanität messbar, quantifizierbar macht. Wir brauchen die Urbanitätskennzahl u, ein Mass, das auf der bewussten Einteilung und Kategorisierung der Grundstücks-/Liegenschaftsgrenzen einer Stadt basiert. Diese lassen sich vereinfacht in zwei Gruppen oder Kategorien aufteilen:

• Innere Grundstücksgrenze (grundstücksgrenzeinnere) zwischen zwei einzelnen Parzellen. Unterteilt einen Strassenblock in mehrere unabhängige Grundstücke. Erfordert ausser eventuellen Grenzmarkierungen (Zäune, Mauern) keine grösseren Investitionen. Die innere Grundstücksgrenze ist billig.
• Äussere Grundstücksgrenze (grundstücksgrenzeäussere) zwischen einzelnen Parzellen und der Strasse, dem öffentlichen Raum. Entspricht der Umfassung eines Strassenblocks. Erfordert entlang der Strasse grosse infrastrukturelle Investitionen (Strom-, Wasser, Abwasser) und Unterhalt (Schneeräumung). Die äussere Grundstücksgrenze ist teuer.

Die Gesamtlänge der inneren Grundstücksgrenzen eines oder mehrerer Strassenblocks geteilt durch die Gesamtlänge der äusseren Grundstücksgrenzen (∑grundstücksgrenzeinnere / ∑grundstücksgrenzeäussere), diese Quote, dieses Verhältnis nenne ich Urbanitätskennzahl – verkürzt u.

Definition von Urbanität

Die Urbanitätskennzahl u (∑grundstücksgrenzeinnere / ∑grundstücksgrenzeäussere) ist eine sehr zuverlässige Masseinheit für das Messen von Urbanität. Urbanität lässt sich also in Form einer bestimmten Urbanitätskennzahl definieren. Man mag geteilter Meinung sein in der Frage, wo genau die untere Grenze für eine „urbane u-Kennzahl“ gezogen werden soll, ich schlage vor, einen Strassenblock als urban zu klassifizieren, wenn die Quote ∑grundstücksgrenzeinnere / ∑grundstücksgrenzeäussere in der betreffenden Bebauung grösser als oder gleich eins (Urbanitätskennzahl u ≥ 1) ist.1

Anschauungsbeispiele

Schauen wir uns ein Diagramm mit vier historischen Beispielen in Stockholm gebräuchlicher Bebauungsformen an. Die Art und Weise, wie sich diese zueinander verhalten – sowohl auf der x-Achse (geschlossene Bauweise / offene Bauweise) als auch auf der y-Achse (hohes u / tiefes u) – veranlasst zu folgenden Beobachtungen und Überlegungen:

Die beiden Beispiele von Östermalm und Skarpnäck in der rechten Hälfte des Koordinatensystems sind sich betreffend ihrer architektonischen Form und Bauweise auffallend ähnlich (geschlossene Bauweise). Östermalm (hohe u-Kennzahl) erleben wir aber als viel „urbaneres“ Viertel als Skarpnäck (tiefe u-Kennzahl). Die zwei Beispiele in den Stadtteilen Gärdet und Skärholmen in der linken Hälfte des Koordinatensystems sind sich betreffend ihrer architektonischen Form und Bauweise auch auffallend ähnlich (offene Bauweise). Skärholmen (tiefe u-Kennzahl) erleben wir aber bei weitem nicht als so „urbanen“ Stadtteil wie Gärdet (hohe u-Kennzahl). Die Differenz in den u-Kennzahlen von Östermalm und Gärdet (hohe u-Kennzahl) einerseits, respektive Skärholmen und Skarpnäck (tiefe u-Kennzahl) anderseits, stimmt gut überein mit dem Unterschied im Erlebnis von Urbanität in den entsprechenden Stadtteilen. Eine Kategorisierung in „geschlossene Bauweise“ und „offene Bauweise“ hingegen entspricht keineswegs einer Einteilung nach Gesichtspunkten erlebter Urbanität. Die Urbanitätskennzahl u sagt uns also mehr über die urbanen Eigenschaften dieser vier Stadtteile als die architektonische Form, der stilistische Ausdruck oder die Bauweise.

In den 1930er Jahren war die Bauwirtschaft noch von – für das 19. Jahrhundert typischen – kleinen Produktionseinheiten geprägt, was sich im Stadtteil Gärdet in Form von gleich kleinen Liegenschaften manifestiert wie man sie 50 Jahre zuvor in den Blockrandquartieren von Östermalm gebaut hatte. Gärdet (offene Bauweise) hat deshalb eine gleich hohe u-Kennzahl wie Östermalm (geschlossene Bauweise). In Verlängerung der für die 1960-er Jahre typischen Grossproduktion dominierten dagegen in der Bauwirtschaft der 1980-er Jahre weiterhin grosse Produktionseinheiten, weshalb Skarpnäck in ähnlich grosse Grundstücke aufgeteilt ist wie die dreissig Jahre zuvor gebaute Trabantenstadt Skärholmen. Skarpnäck (geschlossene Bauweise) hat deshalb eine gleich tiefe u-Kennzahl wie Skärholmen (offene Bauweise). Eine Einteilung der vier Bebauungsbeispiele anhand der u-Kennzahl – mit Östermalm und Gärdet (hohe u-Kennzahl) in der einen, Skärholmen und Skarpnäck (tiefe u-Kennzahl) in der anderen Gruppe – bildet eine wirklich wichtige Scheidelinie zwischen zwei sozioökonomischen Paradigmen in unserer Stadtbaugeschichte ab. Da aber alle vier im Diagramm aufgeführten Stadtteile ungefähr gleich dicht bevölkert sind und einen ungefähr gleich hohen Ausnutzungsgrad aufweisen, kann die Ausnützungsziffer AZ für eine solche Einteilung nicht angewendet werden. Auch sagt die Ausnützungsziffer nichts über das Erlebnis von Urbanität in den verschiedenen Beispielen aus, da die vier Stadtteile ungefähr gleich dicht besiedelt sind und die Ausnützungsziffern für die vier Beispiele entsprechend ähnlich ausfallen. Die Urbanitätskennzahl sagt also auch mehr über die urbanen Qualitäten der untersuchten Stadtteile aus als die Ausnützungsziffer.

Ist es aber reiner Zufall, dass die beiden Beispiele mit tiefer u-Kennzahl (Skärholmen und Skarpnäck) im Gegensatz zu den Beispielen mit hoher u-Kennzahl (Östermalm und Gärdet) am Stadtrand liegen? Liegen die Unterschiede im Erlebnis von Urbanität in diesen vier Beispielen nicht einfach im Gegensatzpaar Zentrum – Peripherie?

Kontraintuitive Messresultate

Nicht wirklich. Es gibt zahlreiche Bebauungen an peripheren Lagen mit sehr hohen u-Kennzahlen und bedeutend mehr „Urbanität“ als man sie in Skärholmen oder Skarpnäck findet. In diesen Fällen handelt es sich natürlich meistens um Villenviertel.

„Dort ist es doch öde, mit grossen Abständen zwischen den Häusern, und Läden oder Restaurants gibt’s auch keine. Bebauungen dieser Art sind doch so weit vom Phänomen Urbanität entfernt, wie man überhaupt kommen kann!“ protestiert da einer...

...was zeigt, dass die Berechnung der Urbanitätskennzahl nicht selten Messresultate ergibt, die auf den ersten Blick kontraintuitiv erscheinen können. Wie zum Beispiel wenn eine öde, leere, unbebaute Wiese im Niemandsland als höchst urbaner Ort klassifiziert wird, lange bevor man begonnen hat, Strassen anzulegen oder Häuser zu bauen, wenn nur eine Grundstückseinteilung und ein Katasterplan vorhanden sind. Traut man der u-Kennzahl als zuverlässiges Mass für Urbanität – und das sollte man – dann entsteht Urbanität in dem Augenblick, in dem Grundstücksgrenzen gezogen werden. Das Kaufen und Verkaufen von vorläufig unbebauten Grundstücken ist folglich eine höchst urbane Tätigkeit – eine nach kurzer Überlegung durchaus angemessene Schlussfolgerung, oder nicht?

Villen und städtische Liegenschaften sind Teile der gleichen Ökonomie und werden auf dem gleichen Markt gekauft und verkauft. Obwohl sie mit unterschiedlichen Lebensstilen verbunden werden sind Villenviertel (mit hoher u-Kennzahl) und Blockrandstadt (mit hoher u-Kennzahl) Ausdruck von ein und derselben Urbanität. Und wenn die u-Kennzahl eines vorläufig noch verschlafenen Villenvororts richtig hoch ausfällt kommt diese einer Vorhersage gleich, einem Versprechen einer möglichen „hyperurbanen“ Zukunft, im Rahmen derer sich eine Bebauung nachträglich verdichtet, während sich ein aktives Geschäftsleben und eine vielfältige Kultur- und Vergnügungsszene entwickelt, Phänomene, die gemeinhin unserem intuitiven Verständnis des Begriffs Urbanität entsprechen. Manch ein „hyperurbaner“ Stadtteil, der heute vor hektischem Leben strotzt, war ursprünglich ein ländlicher faubourg in der Peripherie einer Grossstadt.2 Und es ist wahrscheinlicher, dass ein dünn besiedeltes Einfamilienhausviertel mit hoher u-Kennzahl mit der Zeit eine derartige Hyperurbanität entwickelt als ein heute schon dicht besiedeltes Hochhausquartier mit tiefer u-Kennzahl.

Der ausschlaggebende Unterschied im Erlebnis von Urbanität zwischen den zwei Beispielen des Koordinatensystems mit hoher u-Kennzahl und jenen mit tiefer u-Kennzahl beruht also nicht in erster Linie auf dem Gegensatzpaar Zentrum – Peripherie. Siedlungsgebiete mit tiefer u-Kennzahl liegen tendenziell an den Stadträndern, weil sie ganz einfach am jüngsten sind, weil die Stadtkerne zum Zeitpunkt, als man begann, systematisch Wohnungsbau mit tiefer u-Kennzahl zu betreiben, schon fertiggebaut waren. Und diese Siedlungsgebiete in der Agglomeration schneiden nicht nur im Vergleich mit innerstädtischen Stadtteilen mit hoher u-Kennzahl schlecht ab, sie stehen auch im Vergleich zu Siedlungsgebieten an den Stadträndern mit hoher u-Kennzahl als Verlierer da. Die Urbanitätskennzahl u sagt uns also mehr über Entstehung und Entwicklung von Urbanität als das Gegensatzpaar Zentrum – Peripherie, sowohl in unseren Städten als auch in deren Randgebieten.

Null Urbanität

Mit 1,2 ist die Urbanitätskennzahl der untersuchten Strassenblocks in den Stadtteilen Östermalm und Gärdet für schwedische Verhältnisse extrem hoch. Vereinzelte grössere Grundstücke unter den im Allgemeinen kleinen Parzellen bewirken aber, dass die durchschnittliche Urbanitätskennzahl von Östermalm und Gärdet ungefähr 1 beträgt. Andererseits ist die Urbanitätskennzahl der untersuchten Blocks in den Stadtteilen Skärholmen und Skarpnäck extrem tief (u = 0). Da ein paar wenige Blocks aber in mindestens zwei Grundstücke aufgeteilt sind, liegen die u-Kennzahlen für Skärholmen und Skarpnäck leicht über null (u ≈ 0). Die meisten Blocks in den Vororten (mit tiefer u-Kennzahl) Skärholmen und Skarpnäck bestehen aber aus einer einzigen Parzelle. Und wenn Parzellen ganze Strassenblocks füllen, wenn 1 Block = 1 Grundstück ist, dann ist die u-Kennzahl immer null (da die Summe der inneren Liegenschaftsrenzen gleich null ist). Im Sonderfall u = 0 liegt also „null Urbanität“ vor – könnte man vereinfacht, polemisch, didaktisch behaupten.

Der Leser sollte inzwischen – trotz gewisser Messresultate, die auf den ersten Blick kontraintuitiv erscheinen können – den deutlichen Zusammenhang zwischen Urbanitätskennzahl und erlebter Urbanität erkannt haben. Quartiere mit hohem u funktionieren tendenziell sowohl in sozialer als auch in ökonomischer und kultureller Hinsicht besser und werden als lebendiger und dynamischer wahrgenommen als Quartiere mit tiefem u. Die wirklich wichtige Scheidelinie in der (sozialen, ökonomischen, kulturellen) Erfahrung von Urbanität verläuft weder zwischen geschlossener und offener Bauweise, tiefer und hoher Dichte noch zwischen Zentrum und Peripherie. Die wirklich wichtige Scheidelinie verläuft zwischen hohem und tiefem u. Und da die Urbanitätskennzahl u die wirklich wichtigen sozioökonomischen Veränderungen in unserer Stadtbaugeschichte sichtbar macht, sagt sie uns mehr über die Funktionsweise von Urbanität als architektonische Formen, der Ausnutzungsgrad oder die Lage im Spektrum zwischen Zentrum und Peripherie. Die Urbanitätskennzahl u ist mit anderen Worten eine unübertroffen zuverlässige Grösse für das Messen von Urbanität. Der Begriff Urbanität kann entsprechend über die Urbanitätskennzahl definiert werden. Vorgeschlagen wird ein Mindestmass von eins, d.h. u ≥ 1.

Grundstücks- und Liegenschaftshybride

Der Leser wird nun gebeten, selber Urbanitätskennzahlen zu errechnen, und das ist leichter als man meinen könnte: Bei meinen Berechnungen bin ich zum Schluss gekommen, dass andere, mehr oder weniger willkürliche äussere Umstände wie zum Beispiel Strassenbreiten nicht berücksichtigt werden müssen, um zuverlässige und brauchbare Resultate zu erhalten. Auch „Löcher“ in der Blockstruktur (Parks, Schulen oder andere institutionelle Anlagen) lasse ich ausser Acht. Ich halte es auch nicht für nötig, bei der Berechnung von u-Kennzahlen eventuelle „Ansteckungseffekte“ unter benachbarten Gebieten mit verschiedenen u-Kennzahlen zu berücksichtigen. Meine Belege für diese Sichtweise sind zugegebenermassen anekdotischer Art, aber die Nähe eines Strassenblocks zu einem Block mit abweichender u-Kennzahl spielt allem Anschein nach keine entscheidende Rolle für dessen Entwicklung. Ein „Hoch-u-Strassenblock“ behält deshalb in meinen Berechnungen seine hohe Kennzahl, auch wenn er an einen „Tief-u-Strassenblock“ grenzt, und ein „Tief-u-Strassenblock“ behält seine tiefe Kennzahl auch wenn er an einen Hoch-u-Strassenblock grenzt.

Das eigentliche Messgebiet abzugrenzen braucht also überhaupt nicht kompliziert zu sein. Hingegen ist es nicht immer selbstverständlich, wie gewisse Grenzen innerhalb des Messgebiets zu klassifizieren sind. Die Einteilung von Grundstücksgrenzen in lediglich zwei Kategorien („innere”/”äussere“) ist wie gesagt eine Vereinfachung. Beim Messen und Berechnen von u-Kennzahlen wird man immer wieder auf Hybride stossen, vor allem in neueren Bebauungen. Heute sind Grundstücke keine Seltenheit, deren Grenzen sich weder als eindeutig innere noch als eindeutig äussere Grundstücksgrenzen definieren lassen. Wie verfährt man dann? Wie errechnet man die u-Kennzahl in zweideutigen Fällen?

Auch in solchen Fällen habe ich befunden, dass ich es mir sehr einfach machen kann. Ich lasse nämlich Grenzhybride bei der Berechnung von u-Kennzahlen einfach unberücksichtigt. So wäre es beispielsweise nicht schlüssig, die Grenze zwischen zwei Reihenhausparzellen3, deren Eigentümer gleichzeitig Anteile an gemeinschaftlichen Anlagen innerhalb der gleichen Bebauung (zum Beispiel Gartenflächen, welche die Reihenhausparzellen umgeben) besitzen, als eindeutig innere Grundstücksgrenze zu definieren. Die Einteilung in einzelne Reihenhausparzellen erscheint in solchen Fällen unschärfer und weniger definitiv als man es von einer Bebauung mit hoher u-Kennzahl erwarten würde. Auch die Definition der Grenze zwischen einer Reihenhausparzelle und gemeinschaftlichen Anlagen als regelrechte äussere Grundstücksgrenze wäre nicht schlüssig. Schliesslich bleibt für die Berechnung nur die äussere Grundstücksgrenze zur Strasse hin übrig, was für Reihenhausüberbauungen mit gemeinschaftlichen Anlagen eine sehr tiefe u-Kennzahl (u = 0) ergibt.

Die für die u-Kennzahl irrelevanten Grenzen zwischen Parzellen in Reihenhausüberbauungen mit Gemeinschaftsanlagen sind übrigens vergleichbar mit den Trennwänden zwischen verschiedenen Eigentumswohnungen. Ausschlaggebend bei der Berechnung der u-Kennzahl sind die Grenzen zwischen Liegenschaften (ob Wohngenossenschaften, Miteigentümergemeinschaften oder Miethäuser) und nicht die Grenzen zwischen einzelnen Wohnungen in ein und derselben Liegenschaft.

Die für die u-Kennzahl irrelevanten Grenzen zwischen Parzellen in Reihenhausüberbauungen mit Gemeinschaftsanlagen sind übrigens vergleichbar mit den Trennwänden zwischen verschiedenen Eigentumswohnungen. Ausschlaggebend bei der Berechnung der u-Kennzahl sind die Grenzen zwischen Liegenschaften (ob Wohngenossenschaften, Miteigentümergemeinschaften oder Miethäuser) und nicht die Grenzen zwischen einzelnen Wohnungen in ein und derselben Liegenschaft.

Wie im Fall der vielen Miethäuser in Stockholmer Tief-u-Vororten, die in letzter Zeit in Wohnegenossenschaften umgebildet wurden.4 In gewissen Kreisen wird diese Entwicklung als störend empfunden, nicht zuletzt weil die neugebildeten Genossenschaften begonnen haben, die Grenzen ihrer Liegenschaften mit Zäunen und Toren zu markieren, und das in einer Agglomerationslandschaft, die lange Zeit völlig offen war und keine Zäune und Tore kannte, Zäune und Tore, welche nun die von früheren Architektengenerationen entworfene Vision eines idyllischen Vorstadtlebens grenzenloser nachbarschaftlicher Gemeinschaft im Grünen zu verschandeln drohen. In anderen Kreisen ist man solchen Veränderungen gegenüber positiver eingestellt und sieht in der Verwandlung von Miethäusern in Wohngenossenschaften den Anfang einer dynamischeren Entwicklung in Tief-u-Gebieten, in denen sonst nicht viel los ist. Für alle diejenigen, die in der „zaunlosen“ Agglomerationslandschaft ständig in Konflikte mit Nachbarn verwickelt sind, mit denen sie „halbprivate Zonen“ teilen müssen, war das Fehlen deutlich markierter Grenzen ja immer schon mehr Grund zum Ärger als zur Freude. Good fences make good neighbours. Natürlich darf die neugebildete Wohngenossenschaft „verschandelnde Zäune“ bauen. Natürlich will man in seinem Hof oder Garten keine Fremden ihre Hunde spazieren führen lassen, vor allem nicht wenn einem der Hof oder Garten wirklich gehört. Dabei müssen wir uns aber in Erinnerung rufen, dass diese neuen Zäune an sich und dass die Verwandlung von Miethäusern in Wohngenossenschaften an sich für eine genuin urbane Entwicklung nicht ausschlaggebend sind – solange die Grundstücke gross sind (in schwedischen Vororten meistens so gross wie ein ganzer Strassenblock) und solange die u-Kennzahl tief ist.

Die Freiheiten der Urbanität als Zwang

Ich spiele mit dem Gedanken einer gesetzlich vorgeschriebenen Urbanitätskennzahl. Würde für neue Bebauungen – in Analogie zu heutzutage selbstverständlichen Vorschriften zum Bau von Aufzügen oder Bestimmungen zum Brandschutz – eine minimal einzuhaltende Urbanitätskennzahl vorgeschrieben, dann würde sich bald herausstellen, dass die langfristigen sozioökonomischen Gewinne eines Zwangs zur Einteilung von Grundstücken durchaus mit den sozioökonomischen Gewinnen durch Vorschriften zum Bau von Aufzügen oder zum Brandschutz vergleichbar wären. Ich stelle mir vor, dass schwedische Gemeinden auch nach der Einführung eines solchen Gesetzes immer noch ganze Stadtteile „in einem Wurf“ planen, Architekten diese aus einer Feder entwerfen und Bauunternehmer diese als zusammenhängende Projekte bauen können und dass ganze Stadtteile auch in Zukunft einen einzigen Eigentümer haben können. Besagter wird dann aber allmählich einzelne Häuser verkaufen – was dank der in der Planungsphase erzwungenen Unterteilung des Projektes in kleinere Liegenschaften problemlos möglich ist. Liegenschaften, die verkauft werden, beginnen alsbald ihr eigenes Leben, werden vielleicht umgebaut oder abgerissen. Neubauten ersetzen die abgebrochenen Häuser, und mit der Zeit beginnt ein ursprünglich sehr einheitliches Bauprojekt deutliche Zeichen von Vielfalt und Variation zu zeigen, wie wir sie mit genuiner Urbanität verbinden. Grossmassstäbliche, hochrationalisierte Planung, wie sie in unserem Land gewöhnlich betrieben wird, braucht also an sich kein Grund für eine schlechte urbane Prognose zu sein – solange man als Landbesitzer nicht nur die Forderungen nach Aufzügen und Brandschutz, sondern auch jene nach einer vernünftigen Urbanitätskennzahl akzeptiert.

Die Rechte

Wie aber wären die politischen Parteien einem solchen Gesetz gegenüber eingestellt? Welche Einstellung hätte die Rechte? Eine wohlwollende, stelle ich mir vor. Stadtteile mit hohen u-Kennzahlen (u ≈ 1) kommen bekanntlich – mit Blick auf die Stadtbaugeschichte – nur in Plutokratien „natürlich“ vor, d.h. in Gesellschaften mit grossem Respekt für Eigentum, in politischen Systemen, in denen die Entscheidungshoheit in den Städten beim kapitalstarken Bürgertum als Liegenschaftsbesitzer und Bauherren liegt. Mit der Einführung des allgemeinen Wahlrechts vor ziemlich genau hundert Jahren bekam die breite Masse – weder Liegenschaftsbesitzer noch Bauherren – in unserem Land auf einmal die eigentliche Macht über städtische Grundstücke und Liegenschaften. Der private Besitzanspruch kann seither jederzeit durch Majoritätsentscheide in den demokratischen Versammlungen übergangen werden, in denen Abgeordnete, die selber weder Liegenschaftsbesitzer noch Bauherren sind, die Mehrheit stellen. Seitdem leben wir alle in einem posturbanen Zeitalter. Bauen wird nicht mehr durch die Liegenschaftsbesitzer in eigenem Interesse, sondern letztendlich von der breiten Masse im Interesse der breiten Masse reguliert. Die räumlich effiziente, explosiv dynamische, gleichzeitig aber auch völlig rücksichtslose Urbanität, die nicht nur Oliver Twists London und Les Misérables’ Paris, sondern auch Strindbergs Stockholm kennzeichnete, wurde mit der Zeit fast vollständig ausgerottet – parallel mit der Verbreitung zunehmend demokratischer Spielregeln im Städte- und Wohnungsbau – eine Entwicklung, die mit der systematischen Ablösung hoher durch tiefe u-Kennzahlen einherging. Alle u-Berechnungen sagen übrigens unseren neuesten, gross angelegten Wohnvierteln mit ihren weiterhin sehr tiefen u-Kennzahlen eine gleich „un-urbane“ Entwicklung voraus wie wir sie von historischen Beispielen wie Skarpnäck oder Skärholmen kennen. Wirklich hohe Urbanitätskennzahlen entstehen nicht (d.h. entstehen nicht mehr) von alleine. Wünscht man sich in Zukunft seitens der politischen Rechten vermehrt Stadtteile traditionell bürgerlichen, plutokratischen (oder zumindest quasi-plutokratischen) Charakters, dann müssen diese erzwungen werden. Daher wird man, stelle ich mir vor, ein Urbanitätskennzahlsgesetz von rechter Seite her mit offenen Armen entgegennehmen.

Die Linke

Und die Linke? Welche Einstellung wird die Linke einem Gesetz gegenüber haben, das alle zwingt, ähm, bürgerlich zu bauen? Auch sie eine sehr wohlwollende, stelle ich mir vor – falls (ja: falls) es sich wirklich um Zwang handelt. Isaiah Berlin behauptete, dass die Linke stark beeinflusst war von Jean-Jacques Rousseaus Vorstellung, dass der allgemeine Wille (la volonté générale) die Mitbürger dazu zwingen (!) sollte, frei zu sein (forcer les citoyens à être libres). Da mir scheint, dass Isaiah Berlin in seiner Analyse des Freiheitsbegriffs der Rechten, respektive der Linken5 recht hatte, stelle ich mir vor, dass der Linken eine Urbanität zusagen sollte, die im Grunde nicht mehr von den Märkten gesteuert wird, die nicht mehr Teil einer in linken Kreisen verpönten Marktwirtschaft ist, eine Urbanität, im Rahmen derer die Stadtbewohner eigentlich nicht selber entscheiden, sondern gezwungen werden, alle sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Freiheiten zu geniessen, die ein urbaner Lebensstil zu bieten hat, angesprochen vom Gedanken einer Urbanität als Ausdruck vom Zwang des rousseauschen allgemeinen Willens, ja angesprochen vom Zwang an sich. Ein wahrer Demokrat scheut die Urbanität, scheut die uneingeschränkt rücksichtslose und ungezügelte Urbanität der Plutokratie. Aber eine neue Art demokratischer, quasi-plutokratischer, eingeschränkter, gezügelter, erzwungener Urbanität, wie ich sie hier vorschlage, wäre – so meine ich – nicht nur eine politisch mögliche, sondern tatsächlich eine wünschenswerte Lösung einer Menge städtebaulicher Probleme – für die wahren Demokraten sowohl der Rechten wie auch der Linken. Ob rechts oder links, sag’ Ja! zum Zwang, adle du zur Freiheit diesen Zwang6, und auf einmal – simsalabim! Ei des Columbus! Quadratur des Kreises! Ta-dah! Isaiah Berlin und Jean-Jacques Rousseau machen gemeinsame Sache, zwei unversöhnliche politische Ideale („negative Freiheit“ und „positive Freiheit“) konvergieren in der Stadt – im produktiven Zusammenspiel gegenseitiger Loyalität, erzwungen durch eine gesetzlich vorgeschriebene Urbanitätskennzahl.

Einsichten

Aber auch ohne gesetzlichen Zwang (auf ein derartiges Gesetz werden wir ja wahrscheinlich noch eine Weile warten müssen) können die Erkenntnisse, die wir aus den Urbanitätsberechnungen und der Urbanitätsdefinition u ≥ 1 gewinnen, von grossem praktischem Nutzen sein:

Die Urbanitätsdefinition u ≥ 1 veranlasst den Leser hoffentlich, sich die Sache künftig zweimal zu überlegen bevor er beschliesst, mehrere kleinere Grundstücke zu einer einzigen Parzelle von der Grösse eines ganzen Strassenblocks zusammenzufassen.

Die Urbanitätsdefinition u ≥ 1 erklärt, weshalb gewisse grossangelegte, steuerfinanzierte Stadtentwicklungsprojekte keineswegs die von den verantwortlichen Politikern erhofften sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Resultate zeigen (tiefe u-Kennzahl) während die Stadtentwicklung andernorts wie geschmiert läuft, und das ohne jegliche (planerische) Unterstützung (hohe u-Kennzahl).

Die Urbanitätsdefinition u ≥ 1 lehrt uns, dass wir besser daran täten, die im Schwedischen überstrapazierten Begriffe „förortsmässig“ und „stadsmässig“ (auf Deutsch: „suburban“ und „urban”/„städtisch“) zu vermeiden. Zwar verwendet man „förortsmässig“ („suburban“) normalerweise nur für die Beurteilung bestimmter Vororte, nämlich derjeniger, die wir ab heute – dank meiner Urbanitätskennzahl – einfach Tief-u-gebiete nennen könnten, und man verwendet „stadsmässig“ („urban“ oder „städtisch“) normalerweise nur für die Beurteilung von bestimmten innerstädtischen Gebieten, nämlich denjenigen, die wir stattdessen Hoch-u-gebiete nennen könnten. Innenstädte mit tiefer u-Kennzahl sind aber auch Innenstädte, und Vororte mit hoher u-Kennzahl sind auch Vororte. Es gibt urbane Vororte, und es gibt Innenstädte, die jeglicher urbaner Qualitäten entbehren.7 Auch wenn es oft gute Gründe gibt, über die Probleme unserer Städte in Begriffen der Gegenüberstellung Zentrum-kontra-Peripherie zu sprechen, muss man – wenn man auf das Phänomen Urbanität aus ist – auch zwischen Zentrum und Zentrum respektive zwischen Peripherie und Peripherie unterscheiden, das heisst man muss zwischen hohem und tiefem u unterscheiden.

Schlusswort

Die Zuverlässigkeit der Urbanitätskennzahl als Mass für Urbanität muss natürlich getestet, geprüft und aufgrund mehr umfangreicher Unterlagen als die hier dargelegten bewiesen werden. Sowohl meine Urbanitätsformel (u ≥ 1) wie auch meine Methode, Grundstücksgrenzhybride bei der Berechnung der u-Kennzahl zu berücksichtigen (nämlich gar nicht!), werden vielleicht später präzisiert werden müssen.8 Bis auf weiteres gilt aber die zuverlässige, praktische und in jederlei Hinsicht vortreffliche Faustregel: Urbanität-kann-als-eine-Urbanitätskennzahl-grösser-oder-gleich-eins-definiert-werden.


Text ursprünglich auf Schwedisch veröffentlicht in der schwedischen Zeitschrift Kritik, Nr. 32-Dezember 2016:
Urbanitet, vad är det? eller Hur man räknar ut urbanitetstalet u

Mein Dank gilt Johan Johansson und Lars Marcus für ihre Bereitschaft, meine Textentwürfe zu lesen und kommentieren.

Übersetzung aus dem Schwedischen von Tobias Nissen.

Illustrationen

• Initiale: die Urbanitätskennzahl u (Schriftart Baskerville, kursiv, Minuskel). Montage: Mikael Askergren.
• René Magritte: Golconde (1953).
• Handskizze: Mikael Askergren. Eine Bebauung wird als urban klassifiziert wenn die Quote ∑grundstücksgrenzeinnere / ∑grundstücksgrenzeäussere ≥ 1.
• Der Strassenblock im Beispiel von Östermalm ist in mehrere (genauer gesagt 11) Liegenschaften aufgeteilt während der Block im Beispiel Skarpnäck aus einer einzigen Liegenschaft besteht. Die vier freistehenden Zeilenbauten im Beispiel Gärdet sind jeweils in mehrere Liegenschaften aufgeteilt (zwei bis drei pro Zeilenbau, insgesamt 10 Liegenschaften pro Strassenblock), was bei den Zeilenbauten in Skärholmen nicht der Fall ist (eine einzige Liegenschaft). In Schweden trägt jeder Strassenblock einen Namen (in diesem Fall: Lägret, Röda Rosen, Oxholmen, Ballongen). Diese Beispiele sind Teile des Referenzmaterials, anhand dessen ich Überlegungen für den Artikel Horror limitis anstellte, ein Text über die Angst (!) der Architekten und Planer vor der Grundstücksgrenze, erschienen in der Architekturzeitschrift Kritik, Stockholm, Nr. 24-Januar 2015. Bildquelle Katasterpläne: Katasterplan der Stadt Stockholm, Massstab 1:4000, herausgegeben vom Katasteramt Stockholm (1991). Montage: Mikael Askergren (2016). Bildquellen Fotografien: Luftbild1+2 Luftbild3 Luftbild4
• Strassenschild „Urbanität“ + „Ende Urbanität“. Montage fiktiven Strassenschilder: Mikael Askergren (2016). Bildquellen echte Strassenschilder: Quelle1 Quelle2
• „Grundstücksgrenzhybride“ der 1960-er Jahre. Reihenhausbebauung mit gemeinschaftlichen Anlagen (Kinderspielplätze, Quartierstrassen, Parkplätze, Garagen). Kv. Mjölnartorp (Strassenblock „Mjölnartorp“), Djursholm, Schweden. Fotografie: Mikael Askergren (2016). Katasterplan: Gemeinde Danderyd, Schweden.
Jean-Jacques Rousseau (1712-1778)
Isaiah Berlin (1909-1997)

Fussnoten

1 Die Methode für die Berechnung der Urbanitätskennzahl u sowie die Definition des Phänomens Urbanität als u ≥ 1 habe ich im März 2016 formuliert. Es gibt allem Anschein nach keine Vorgänger meiner Urbanitätskennzahl: Unter den Kollegen, die frühere Entwürfe dieses Artikels gelesen haben, hat niemand angegeben, meiner Methode oder meinen Resultaten in anderen Zusammenhängen schon begegnet zu sein. Beachten sie bitte, dass ich den Begriff „Urbanitätskennzahl“ (und nicht „Urbanisierungskennzahl“) verwende, da es nicht die Migration vom Land in immer grössere Städte („Urbanisierung“) ist, die mit Hilfe der „Urbanitätskennzahl“ gemessen wird. Die Urbanitätskennzahl ist übrigens nicht zu verwechseln mit dem „U-Wert“ (früher K-Wert), dem Wärmedurchgangskoeffizient, der das Wärmedämmvermögen beschreibt.

2 Vergleiche „Berlin: die lebendige Stadt der Autokratie – die tote Stadt der Demokratie“ (Berlin: enväldets levande och demokratins döda stad) von Mikael Askergren über die Entwicklung der Berliner Friedrichstadt vom relativ verschlafenen ländlichen Vorort (18. Jhd.) zum „hyperurbanen“ Stadtteil der Weimarer Republik mit seiner brodelnden Kultur- und Vergnügungsszene, ursprünglich publiziert auf Schwedisch in der Zeitschrift Arkitektur, Stockholm, nr 2-2011, in deutscher Übersetzung zu finden auf: askergren.com/berlin2.html

3 Anmerkung des Übersetzers. In Schweden sind Reihenhausüberbauungen (vornehmlich aus der Nachkriegszeit) mit gemeinschaftlichen Anlagen weit mehr verbreitet als im deutschsprachigen Raum. Es ist diese Art von Anlagen mit ihren unscharfen Grenzen, auf die sich der Autor in seinen Ausführungen zu hybriden Eigentumsformen bezieht. Quartiere mit Reihenhäusern auf voneinander unabhängigen Grundstücken mit jeweils eigenen Brandmauern, wie wir sie aus englischen, aber auch aus Schweizer Städten kennen, sind in Schweden hingegen selten. In Bebauungen mit dieser Art von „Stadreihenhäusern“ ohne gemeinschaftliche Anlagen werden die Liegenschaftsgrenzen zwischen einzelnen Reihenhäusern selbstverständlich als „innere Grundstücksgrenzen“ gerechnet, was die u-Kennzahl für solche Quartiere entsprechend hoch ausfallen lässt.

4 Anmerkung des Übersetzers. Die Genossenschaftswohnung ist in Schweden die bei weitem meist verbreitete Art von Wohneigentum.

5 Die „negative Freiheit“ der Rechten basiert auf Individualismus und Freiwilligkeit ohne Diktat von oben. Die „positive Freiheit“ der Linken hingegen wird von oben, vom Kollektiv, über den Kopf des Individuums hinweg definiert, was letzten Endes dazu führen kann, dass das Individuum, das nicht verstehen kann oder möchte, was „seinem Wohl“ zuträglich ist, vom Kollektiv gezwungen werden kann, auf eine Weise zu leben, die das Kollektiv als geeignet erachtet, um besagtem Individuum persönliche Freiheit und Macht über sein eigens Leben zu garantieren. Ein aktuelles Beispiel: Die schwedische Linke propagiert eine obligatorische Frauenquote in Verwaltungsräten. Frauen (der politischen Rechten) in der Wirtschaft lehnen eine Quotenregelung ab, während die Linke darauf insistiert, Frauen zur Gleichstellung zu zwingen – zum Wohl der Frauen, auf dass sie sich emanzipieren, befreien können, wie es vermutlich unter Fürsprechern „positiver Freiheit“ heisst.

6 Vgl. „Das Geheimnis der Seufzer“ („Suckarnes mystär“, ca. 1820), Gedicht des schwedischen Dichters Erik Johan Stagnelius: „[...] Mensch, willst du des Lebens Weisheit lernen, / Höre! Zwei Gesetzen beuget dieses / Leben sich. Vermögen zu begehren / Ist das erste, und das andre Zwang / Zu entsagen. Adle du zur Freiheit / Diesen Zwang! Geheiligt und versöhnt / Jenseit Stoffes kreisender Planeten / Gehst du dann ins Reich der Seligkeit.“ (Erik Johan Stagnelius: Gesammelte Werke, Leipzig 1851. Übersetzung aus dem Schwedischen von K.L. Kannegiesser.)

7 Betreffend neue innerstädtische Bebauungen, vgl. Stadsbyggnad diskuteras von Mikael Askergren, erschienen in der Zeitschrift Arkitektur, Stockholm, Nr. 5-1992, über das neue innerstädtische Viertel Sankt Erik im Stadtteil Kungsholmen (Stockholm, Schweden). Urbanitätskennzahlsberechnungen gab es damals noch nicht, aber ich wünsche allen Glück, die im Sankt Eriks-Viertel Urbanitätskennzahlen über Null (u > 0) ausmachen möchten – und dies trotz der anspruchsvollen Rhetorik des verantwortlichen Stadtplaners, mit welcher er Urbanität und ”die Weiterführung der dichten und abwechslungsreichen Morphologie” der Stockholmer Innenstadt versprach.

8 Ein paar wohlformulierte Beispiele für die kritische Prüfung sowohl der Urbanitätskennzahl u als auch der Definition von Urbanität sind in den zwei Anhängen zur schwedischen Originalversion des Artikels zu finden; zwei Anhänge mit Auszügen aus einer E-mail-Korrespondenz mit Johan Johansson und Lars Marcus.

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